schulRAUMkultur

schulRAUMkultur spannt den Bogen von Schulkultur zu Baukultur und steht für beste Qualität des Prozesses der Schulraumproduktion. … weiterlesen

Wenn es sich gar nicht umgehen lässt, muss ich, was rund einmal in drei Jahren vorkommt, doch in ein Einkaufszentrum. Nach einigen Minuten bereits, in denen ich versuche mir einzureden, es sei nicht so schlimm, reißt regelmäßig meine dünne Haut. Ich sehe ein Spektakel desensibilisierter Körper, stressverzerrter Fratzen, ungläubiger Kleinkinder, leerer Gesichter, ferngesteuerter Einkaufsroboter, cooler Jugendlicher und lautstarker Selbstbetäubungsrituale. Tief traurig finde ich mich jedes Mal beinah fassungslos auf dem Parkplatz vor diesen blechkistenverpackten affektierten Konsumwelten wieder.

Auch am Donnerstag, den 12.November war das so.

Ich näherte mich dem Designcenter und spürte dieses mulmige Gefühl in mir hochkommen. In der Halle schien etwas – der Teufel? – los zu sein. In der Eingangsschleuse, ein Abfertigungs-Unraum, in dem nur dein Strichcode zählt, gelang es mir, die ersten Schlangen, die sich gerade zu bilden anschickten, zu umgehen. Ein entwürdigendes Willkommen. Und dann, mehr einen Schupps als einen Schritt weiter, war ich mitten drin: In der Bildungsmesse, in der Interpädagogica 2015 mit 227 Ausstellern und 127 Veranstaltungen, die an drei Tagen an die 11.000 Besuchende anlocken sollte.

Mein erster Eindruck: Nein!

Grelle Farben und lautes Marktgeschrei umklammerten unmittelbar meine Rezeptoren. Ein Overload der Sonderklasse brach über mich herein. Nach dem Betreten der Halle musste ich stehen bleiben. Mein Körper suchte nach einer Chance, sich einzustellen auf diese Attacke, sich zu rüsten für diesen Krieg, sich zu arrangieren mit dieser Aggression, die ihn erwartete.

Der Messe-Raum beim Eintreten war bei Weitem kein großzüger Hallen-Innenraum. Er war vielmehr vom ersten Meter an zugemüllt mit Messeständen, die fast ausschließlich aus ingenieurhaft-praktischen Systembauten zusammengekleistert waren. Die Messestände gerieten sich in den mehr oder weniger überlegten Arrangements in die Haare. Die einzelnen Welten einer neuen Pädagogik, die von angeheuerten meist weiblichen Jugendlichen an der Messestraße zuvor beworben werden mussten, standen beziehungslos nebeneinander. Eine lärmende, geifernde Welt, in der alle für ihr (wirtschaftliches) Überleben um die Wette lächelten, bettelten oder schrien.

Der Infostand links neben dem Haupt-Einwurf (es war kein Haupt-Eingang) stellte das Zentrum dieses Tornados dar. Ein bisschen beschichteter Pressspann mit dem obligatorischen weiblichen Konterfei bemühte sich redlich. Auf meine mehr metaphorische Frage »Wo ist die Mitte?«, konnte es keine Antwort geben. Die Bildungsmesse offenbarte sich mir als ein haltloses Universum von umher flirrenden Partikularinteressen, ähnlich den bereits fein zerriebenen Plastikpartikeln, die im Ozean die Mägen lebendig verhungernder Fische füllen.

In mitten dieses Treibens dümpelt der Messestand des Oberösterreichischen Landesschulrates verloren dahin. Man kann den Landesschulrat mögen oder auch nicht. Viele wollen ihn ganz abschaffen, manche nur den Präsidenten, dennoch: Der Landesschulrat als ein kleines Ständchen unter den vielen Unternehmen? Was, wenn hier eine engagierte Behörde dem Gelingen ihrer Kunden – der Lehrenden – eine Plattform böte, auf der sie sich laben können, auf der sie gestärkt werden, um einen kritischen Zugang zum Bildungsmarktgeschrei zu finden. Warum ist es für uns so schwer, sich den Landesschulrat ähnlich engagiert wie eine Konsumentenschutzorganisation vorzustellen?

Um 10 Uhr 30 lud ich meinen Vortrag auf den Laptop am Podium im großen Kongresssaal, in dem sich bereits rund 80 Leute eingefunden hatten. Neben mir ein Kerl im Business-Anzug, der sich die Technik der Mikrofone erklären ließ. Wir begrüßten uns nicht. Er entpuppte sich sodann als Geschäftsführer des Messeveranstalters und startete mit dem üblichen Programm: »Sehr geehrter Herr Präsident … geehrte Frau Vizebürgermeisterin … geehrter Herr Ministerialrat … geehrter Herr hier … geehrter Herr dort …« Insgesamt wurden weit mehr Herren als Damen angesprochen, eh klar. Nun gut, dachte ich mir, der muss eben taff und brav Grußworte ausrichten, will er doch weiterhin fleißig Geld verdienen mit seinem Messe-Knowhow. Dann kam der Präsident … und auch er startete mit dem üblichen Programm: »Sehr geehrter Herr Geschäftsführer … geehrte Frau Vizebürgermeisterin … geehrter Herr Ministerialrat … geehrter Herr hier … geehrter Herr dort …« Insgesamt wurden weit mehr Herren als Damen angesprochen, eh klar. Nun gut, dachte ich mir, der muss eben was Gescheites sagen, weil er der Präsident ist, der nicht abgeschafft werden will. Dann  kam der Ministerialrat … und auch er startete mit dem übliche Programm: »Sehr geehrter Herr Präsident … geehrte Frau Vizebürgermeisterin … geehrter Herr Geschäftsführer … geehrter Herr hier … geehrter Herr dort …« Insgesamt wurden weit mehr Herren als Damen angesprochen, eh klar. Nun gut, dachte ich mir, der muss eben auch was Gescheites sagen, weil er vom Bund ist, der nicht dem Land die ganze Show überlassen will.

Mir wurde langsam langweilig. Es kam die Vizebürgermeisterin an die Reihe … und auch sie startet wieder mit dem üblichen Programm: »Sehr geehrter Herr Präsident … geehrter Herr Geschäftsführer … geehrter Herr Ministerialrat … geehrter Herr hier … geehrter Herr dort …« Insgesamt wurden weit mehr Herren als Damen angesprochen, eh klar. Nun gut, dachte ich mir, die darf – jetzt hoffentlich bald! – eröffnen, weil nach dem Bund und dem Land auch die Stadt etwas bedeutet …

Wie immer in solchen Momenten, suchten sich die Blicke im Publikum, denn: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Ich klatschte nicht. Weder beim Präsident noch bei der Vizebürgermeisterin, weder beim Ministerialrat noch beim Geschäftsführer. Warum auch? Erstaunlicherweise schloss sich das Publikum mir nur an, als die Dankesworte für die Crew zur Messe abgearbeitet wurden. Ich ärgerte mich, genau hier nicht applaudiert zu haben. Diese Leute hätten sich das wohl verdient – aufgrund ihres Einsatzes, nicht wegen des Ergebnisses. Die Vorfreude, nun anschließend einen Vortrag zu halten, stieg beständig, konnte ich doch auf einige Worte wunderbar antworten und die Sonntagsreden insgesamt in meinen Vortrag in Spannung setzen oder zur Diskussion stellen, wenn etwa auf intelligente Weise von Martin Buber und seinen Vorstellungen zum Dialog referiert wurde – von Leuten aus dem Ministerium, das für gefühlte 90% an der Basis genau diesen Dialog beispielsweise im Schulbau vermissen lässt.

Richtig munter wurde ich erst, als ich das selbstgefällige »So, und jetzt schauen wir uns die Messe an!« vernahm und sich die wechselseitig geehrte und von Pressefotografen wie von Fliegen umschwirrte Kleingesellschaft anschickte, den Saal zu verlassen. Keine Ankündigung, wie es hier weitergeht? Nach ein paar Sekunden wurde mir bewusst: Jetzt muss ich etwas sagen, sonst sind alle weg! Also huschte ich schnell aufs Podium und ran ans Mikro: »Wer nun eine kritische Reflexion hören und sehen will, was Politik, Verwaltung und Wirtschaft nicht an Versprechen einlösen, kann hier bleiben, alle anderen – wie auch die Verantwortlichen – können gehen.« Die kleine Schar an Wichtigen hielt kurz an, sie standen eine Weile im oberen Drittel auf den Stufen neben dem Saalausgang, ehe sie sich davonschlichen … ich nehme an, die Messe hat ihnen beim Rundgang sehr gut gefallen.

Mein dann folgender Vortrag war nicht gut. Ich war zu wütend und schimpfte mich durch meine Redezeit. In der Erregung habe ich auch die Tonaufnahme vergessen (weswegen es hier keine Wiedergabe gibt). Das Publikum war dennoch freundlich zu mir. Nach einer halben Stunde wurde ich nach Lösungen gefragt. Natürlich gibt es die – sie sind allerdings keine Rezepte mehr. Lösungen geraten zu Anleitungen für Wege, die jede Schule selbst wählen ›muss‹ und gehen ›darf‹ (nicht im Sinne des Erlaubt-Seins). Im Wesentlichen kann ich vieles aus meinen Vortrag auf ein Zitat von Hartmut von Hentig konzentrieren. Er fragte 1971(!) in seinem Büchlein ›Cuernavaca oder: Alternativen zur Schule?‹ (Klett/Kösel. Stuttgart/München 1971, S. 132):

Als was wir die Sterilisierung unserer Selbsterfahrung, unserer inneren Umwelt überleben, weiß niemand.

An jenem Tag habe ich diesen Satz noch tiefer verstanden.

Anmerkungen aus einer anderen Welt

 

​Endlich ist es soweit! Ich freue mich, auf die Webdokumentation der 4. Leerstandskonferenz hinweisen zu können. Das Architekturbüro ›nonconform architektur vor ort‹ hat gemeinsam mit dem Architekturjournalisten und Buchautor Wojciech Czaja und meiner Plattform ›schulRAUMkultur‹ das Konzept für diese Veranstaltung am 15. und 16. Jänner in Leoben entwickelt. Wir haben die ungenutzten, räumlichen Potenzialen (teil)leerstehender Schulen in Form von Vorträgen, Diskussionen und Gesprächen mit 120 Personen erörtert.

Eine konventionelle Schule steht halb leer, wenn sie voll im Betrieb ist - soweit die immobilientechnische Sicht. Es geht nun darum, erkennen zu lernen, was da ist. Schule hat mehr Möglichkeiten als sie derzeit weiß. Das gilt es für uns alle (Schulpartner, Schulerhalter, Schulerplanung) in unseren Denkmustern wie Handlungspraxen zu ändern.
Sehen Sie selbst: ein 12-minütiger Trailer auf Youtube gibt Ihnen eine guten ersten Überblick. Zudem sind auch Vorträge mit PDF-Folien und Tonspur nachzuhören. Da ist viel dabei, was Sie so noch nicht kennen! Ich habe zusätzlich meinen Vortrag eingebettet (und entschuldige mich für die schlechte Tonqualität).

 

Video: 4. Leerstandskonferenz ›Auslastung: Nicht genügend‹

 

Video: Vortrag Michael Zinner ›Notlösung. 2 Jahre Schule ohne Schule‹

Schulraumkultur lässt sich mit der Qualität der gebauten Welten, in denen Schule stattfindet, und mit der Qualität, wie es dazu kommt, umschreiben. Dass an beidem, also dem Weg und dem Ziel, Veränderungen not-wendig sind, bestreiten weder ExpertInnen, noch die Verwaltung noch die Schulpartner. Wir leben in einem Jahrzehnt der Umbrüche und Neuanfänge. Dennoch haben wir es nach wie vor nur mit Pilotprojekten zu tun. Bis heute ist es weder den Ländern und noch dem Bund in Österreich gelungen, neues Wissen systematisch und nachhaltig  in die Praxis der Schul- und Bauverwaltung zu implementieren. Nach wie vor sind unsere Vorschriften und Normen in ihrer Art zu eng vorschreibend, in den Inhalten nach Disziplinen und Sektoren zu stark getrennt und in den Verfahren zu wenig offenen angelegt. Und weil Neu/Um/Weiterbauen von Schulen mittlerweile als hochkomplexer Vorgang sehr vielen Verfahrensregeln und Richtlinien aus den Bereichen Finanzierung, Verwaltung, Vergabe, Sicherheit, Planung, Technik und Schulorganisation unterliegt, sind die handelnden Akteure in den Systemen auch persönlich sehr gefordert, Gewohntes und Althergebrachtes in den Strukturen wie im Denken zu überwinden. Drei Beispiele für mittlerweilen typische strukturell manifeste Blockaden:

Erstens das Denken in säuberlich getrennte Budgets. Beispielsweise behindert das Abgrenzen von Baubudget und Möbelbudget zu oft das angemessene Agieren im konkreten örtlichen und sozialen Kontext. Neuere pädagogische Praxen in alten Mauern zu ermöglichen, kann ein höheres Investment im Möbelbereich bedeuten als bisher üblich, schlicht weil sich in Zukunft die räumlichen Lernarrangements schneller und öfter verändern werden und damit die Möbel mehr können müssen. Auch die Art des Förderns von Schulbauten durch unterschiedlich zuständige Landesabteilungen kann behindern, vor allem dann, wenn nicht miteinander sondern gegeneinander und damit schnell zum Un-Wohl der Betroffenen agiert wird.

Zweitens der Fokus der Projektentstehung. Im Bereich der Finanzierung und Förderzusage wird zwar nach dem Prinzip größtmöglicher Verteilung das Niveau nach unten über überaltert formulierte Flächenerfordernisse gesichert, aber es fehlt der Mut zu systematisch verankerten und fordernden Förderungen als Ermöglichungsstrategie für mehr. Mit einer niederschwelliger Informationsstrategie, die für große wie vor allem für kleinere ›Kunden‹ (also Schulen beziehungsweise Gemeinden) das Niveau des spezifischen Wissens bewusst anheben hilft, müsste der Zugang zum entstehenden Projekt vielmehr ein einbindendes aber führendes Fördern als ein bestimmendes aber defensives Verteilen sein.

Schließlich drittens die Monokultur der Projektentstehung. In einem meist sehr intransparenten Milieu von politischen Kriterien bleiben als einziger sachlicher Nenner meist die Zahlen: Baukosten als zentrale Dimension der Berechnung lassen sich dann auch noch im Namen des Klimaschutzes erhöhen (Wärmedämmung lässt sich nämlich berechnen und damit politisch verkaufen), aber Argumente, die auf langfristige, örtliche, dezentrale und mittelbare soziale Wertschöpfung angelegt sind, bleiben angesichts ihrer Komplexität und ihrer mitunter kurzfristen Ergebnislosigkeit schnell auf der Strecke. Für etwas einzustehen, dass sich vielleicht erst später beweisen wird, würde einen neue Kultur voraussetzen: weg von der Tages-Politik hin zur Vierteljahrhundert-Politik. Politik müsste sich – ähnlich dem jahrgangsübergreifenden Lernen, das die Geisel der angenommenen Leistungsgleichheit überwinden wird – zu einem legislaturperiodenübergreifenden Führen, das die Geisel der nächsten Wahl nicht im Fokus hat, entwickeln.

Die entscheidenden Veränderungen liegen daher vorerst und vor allem in den handelnden Personen, die kraft ihrer persönlichen Reife (Einsicht, Akzeptanz, Mut, Durchhaltevermögen) Institutionen mit verändern und damit auch die Welt verbessern helfen. Für Kommunen schlage ich dazu in einer jüngst erschienenen Publikation drei Handlungs-Empfehlungen vor: zusammenführen, einbinden und querfinanzieren. Meine Gedanken wurden in der ›Österreichischen Gemeindezeitung‹ des Städtebunds in der Doppelausgabe 12/2014 und 01/2015 veröffentlicht. Den Schwerpunkt dieser Nummer bildet das Thema Bildung, das richtigerweise »zunehmend zu einem kommunalen Thema« wird. Sie können den Artikel auch direkt beim Städtebund unter www.staedtebund.gv.at/oegz nachsehen. Auf alle Fälle bitte ich Sie – in der Verwaltung – um ein aufrichtiges Ernstnehmen meiner Empfehlungen. Es ist einfach, alles wegzuwischen und abzutun. Werden Sie zu einem (Mit)Grund für Entwicklung. Wo immer Sie können, ermöglichen Sie etwas Inhaltliches, etwas Tiefgreifendes. Zum Beispiel das innerliche Umbauen statt das äußerliche Dämmen. Der Dank aus der Zukunft ist Ihnen gewiss.

Warm anziehen reicht nicht

Die historische Spurensuche in Grundriss-Mustern beschäftigt mich in meinem soeben in der ›Zeitschrift für ästhetische Bildung‹ veröffentlichten Text über das Loslassen von Anstalten und das Heimkommen in Schulen ebenso, wie die Frage, die mir immer wieder gestellt wird: ›Wie sollen wir nun heutige Schulen für morgen zukunftstauglich planen?‹

Zum einem will ich mit einem Streifzug durch 250 Jahre Schul-Grundrisse in drei Zeichnungen vier wesentliche Codes für tragende mentale Konzepte festmachen, die ich als lebendigen Einraum, gleichförmige Gangschule, neutrale Flächenschule und lebendiges Raumgefüge formuliere und vorschlage. Ich danke den DKV-Architekten aus den Niederlanden für die Inspiration zu den Skizzen. Diese Verdichtung soll uns unterstützen, wichtige historische Entwicklungslinien klarer zu sehen. Nebenbei lade ich alle ein, mit mir auch noch mit zu schmunzeln über die verblüffende Aktualität von rund 40 Jahre alten Zitaten zum Schulbau aus der Zeit um 1970.

Zum anderen habe ich KEINE Antwort auf die Frage nach den aktuellsten Schulbau-Rezepten. Ich entnehme aus meinem Text: »Unser Gebot der Stunde besteht im Loslassen von Rezepten und im Vertrauen auf Kooperationen. Im gemeinsam Dialog werden bestmögliche und hochangemessene Lösungen für jeden Ort und jede Schulgemeinschaft entstehen, schlicht weil die Lösungen vor Ort (Kommune), von außen (Praxis) und von unten (Zivilgesellschaft) beides integrieren können: Expertise und Erfahrung. Von beidem haben wir genug. Was wir noch nicht haben, ist eine Balance zwischen beiden. Diese gilt es im Umbauprozess des Regelwerks zur Schulbauproduktion anzusteuern und Strategien zu ihrem Erreichen zu implementieren.«

Der Text wurde in der ›Zeitschrift für ästhetische Bildung‹ © 2009-2013 (ISSN 1868-5099) in der Nummer 1 des sechsten Jahrgangs mit dem Titel ›Schularchitektur und ästhetische Bildung‹ unter http://zaeb.net veröffentlicht und ist direkt unter http://zaeb.net/index.php/zaeb/article/view/78/73 nachzuschlagen. Mein Dank gilt Gundel Mattenklott und Constanze Rora. Auch hier ist der Text als Download abrufbar. Ich wünsche viel Anregung beim Lesen.

Wie Anstalten loslassen? Wie in Schulen heimkommen?

Haltende Planung

Der Paradigmenwechsel in der Pädagogik vom gleichgeschalteten Unterrichten von Gleichaltrigen zum individualisierten Lernen von unterschiedlichen Schülerpersönlichkeiten ist aufregend und fordert uns alle! ›Angst oder Liebe‹ nennt Wagenhofer radikaler-weise den Untertitel zu seinem Film, der im Haupttitel noch recht brav ›Alphabet‹ heißt. Wilfried Schley vom Institut für Organisationsentwicklung und Systemberatung in Hamburg und Zürich schrieb dazu schon 2008 in seinem Text ›Häutungen‹: »Das klassische Lernen versucht den Fehler zu vermeiden und ist angstgetrieben. Angst reduziert jedoch die Ressourcen des Gehirns. ›Angst essen Seelen auf‹ titelte Filmemacher Fassbinder, heute müssen wir schärfer sagen: ›Angst frisst Hirn!‹« Die Erkenntnisse der Neurowissenschaften sind also der historische Tropfen, der das pädagogische Fass zum Überlaufen bringt. Auch der ›Doyen des Archivs der Zukunft‹ Reinhard Kahl sprach am 26. Mai 2014 vor der Industriellenvereinigung in Wien von einer »pädagogischen Müllabfuhr«, die mittlerweile nötig ist.

Ich bin entspannt. Ich meine, die wirtschaftliche Krise verschärft das alles noch, überall muss gespart werden. Dieser enorme Druck, der sich hier aufbaut, stellt freilich auch ein Risiko dar. Er unterstützt aber auch jene Not, die sprichwörtlich erfinderisch macht. Ich zum Beispiel weiß, dass ohne diesen Druck keines der partizipativen Projekte, die ich mit ›nonconform architektur vor ort‹ abwickeln durfte, zustande gekommen wäre. Ich sage danke, und gleichzeitig fühle ich mit mit den vielen Menschen vor Ort in den Schulen. Sie stöhnen unter immer mehr Belastungen und auch unter Widersprüchen wie Individualisierung / Standardisierung oder Neue Pädagogik / keine Ressourcen. »Nur keine Angst, alles wird gut!« höre ich mich des Öfteren sagen und frage mich, warum ich mir da so sicher bin.

Das ist das Gute an unserer derzeitigen Situation: das Wissen kommt in der Praxis an und es entsteht auch immer präziser in der Praxis – und dafür gibt es immer mehr Verständnis, wenn nicht gar Einsicht. Auch Wissenschaft beginnt, das langsam anzuerkennen. So wie ein/e PädagogIn vom Instruktor zum Coach werden wird, so erkennt Wissenschaft zunehmend, dass sie derzeit zwar Praxis begleitend reflektieren kann, aber nicht davon ausgehen soll, vorgebend Theorie zu erklären. Niemand ist mehr interessiert am wachsenden › Text-, Daten- und Theoriemüll‹, viele wollen endlich etwas tun (vgl. dazu Schriften von Burow). Ich lerne derzeit viel – und das vor allem durch die Praxis, die ich begleitend reflektiere. Das finde ich aufregend. Es macht einfach mehr Spaß, als nur Bücher zu lesen.

Diese Diskussion hat sich also tief in die Welt der Pädagogik und der Schulen eingeschrieben. Es ist allerdings nicht um alle Disziplinen gleich gut bestellt ist. Die Architektur beispielsweise hat da noch viel vor sich. Die meisten ArchitektInnen sehen/spüren Angst ohnedies nicht, geschweige denn sie anerkennen ihre Existenz als Problem (und damit auch als Entwicklungschance!). Ich erinnere mich an etliche Gespräche ›unter uns‹, wo ich beispielsweise die Angst vor dem Verlust der Gestaltungshoheit eindeutig diagnostizieren konnte. Planung wird immer mehr zur Führung von Prozessen. Und gelingendes Führen im 21. Jahrhundert ist weniger eine Form des Machens (Management) als vielmehr eine Form des Zulassens (Leadership). In partizipativen Planungsprozessen gilt es für uns ArchitektInnen mit einer neuen Haltung einen Prozess zu ermöglichen, in dem sich alle einbringen können. Dabei entsteht ein Raum, der zerbrechlich aber höchst wertvoll ist. Dazu mehr im Artikel:

Haltende Planung

Das Bundesschulzentrum Traun ist eine der unbekannteren Schulen in der österreichischen Schulbaugeschichte. Es eignet sich aber hervorragend, weil es den Schuldiskurs um 1970 widerspiegelt. Damals hat sich ja sehr viel bewegt. Sechs Jahre zuvor stieß Picht in Deutschland die Diskussion um die »Bildungskatastrophe« an. Die damaligen Entscheidungsträger und Planungsteams in Österreich waren maßgeblich beeinflusst von Entwicklungen der Nachkriegszeit in Amerika, England, Schweden und Deutschland. Bildungszugang, Pädagogische Modelle, Vorfertigung, Flexibilität ... alle wollten viel!

Und es ist - auf baukultureller Ebene - so wenig daraus geworden! Fast alle Träume zur Flexibilität sind in Gipskarton erstarrt! Schade, aber es war wahrscheinlich richtig, weil es der einzige Weg war, der den Leuten in den Schulen Schule möglich machte. Einer der größten ›Fehler‹ - neben einer historischen Verirrung der Architekturwelt in die technizistische Nicht-Gestaltung von Raum - war die mangelnde Begleitung der PädagogInnen in ihren neuen Häusern. Die Architektur hat gewerkt, gewirkt und von einer Zukunft gefaselt, nur die Leute vor Ort in den Schulen sind dagestanden und haben sich gefragt: Was machen wir mit diesen Räumen?

Ich meine, die eingehende Beschäftigung mit den 1970er Jahren ist ein wichtiger Ausgangspunkt, um heute, wo wieder einmal eine »Bildungskatastrophe« ausgerufen ist, die Fehler nicht zu wiederholen. Die Architektur selbst steht viel besser da. In unserem Land mangelt es nicht an guten Fachleuten. Wo wir riesiges Entwicklungs- und Entfaltungspotential vor uns haben, das ist die Verbindung von Fachwelt und ›Kundenwelt‹! Ich wage zu behaupten: Wie ein Kind, das lernen will, brauchen auch wir im Planungsprozess Beziehung! Wie soll Schule gelingen, wenn sowohl im Entstehen von entsprechenden Gebäuden als auch im Regeln von entsprechenden Rahmenbedingungen Krieg herrscht?

Analyse: Bundesschulzentrum Traun

Der Tiroler Architekt Josef Lackner hat sich viele Gedanken zum Schulbau gemacht. Als ich 1965 auf die Welt kam, hat er beispielsweise gerade einen kurzen Text zum Schulbau geschrieben: »Unser Schulbau – ein Anachronismus. Die Behauptung eines Architekten«. Er sagte unter anderem: »... mutvoll, zukunftsweisend und lebendig ...« muss Schulbau sein! Klar. Die Geschichte der Empörung über das moderne Bildungssystem ist fast so alt wie die Geschichte des modernen Bildungssystems selbst. Lackner ist für mich einer der ›Großen‹ im Österreich des letzten Jahrhunderts. Weil er ein Erfinder war! Ihm ist es immer um die genuine Fragestellung und um eine ebenso genuine Antwort gegangen. Und bei den Antworten konnte er mitunter fast ›autistische‹ Züge entwickeln. Manchmal führten diese ihn ins ›Zeitlose‹!

Ich präsentiere nun meine Analyse zu seinem Schulbau der Ursulinen in Innsbruck, erbaut von 1971 bis 1980 (!). Ich habe diese Schule gewählt, weil ich sie als Architekt lange Zeit (bis vor einigen Jahren) für eine der Besten in Österreich gehalten habe. Und da bin ich in unserer Fachwelt sicherlich nicht der einzige. Diese Schule ist für mich ein großartiges Werk, in dem vorerst viele Ebenen so fein zusammenspielen, um dann selbstverständlich als organisches Ganzes da zu stehen, dass man meinen könnten: Es geht ja gar nicht anders! Gänsehaut für ArchitektInnen.

Nun, diese Schule ist in einer bewegten Schulbauzeit entstanden. Und sie weist viele Qualitäten auf, die auch heute noch oder genauer gesagt wieder Gültigkeit besitzen: Hervorzuheben ist vor allem die »Landschaft« (Gienke) des Erdgeschosses, die auf ganztägige Schulformen weiterhin eine Antwort ist. Sie ist natürlich nicht nur zeitlos: das sehen wir im Obergeschoss, das auch als Leistungsmaschine erlebt werden kann. Das Klassenprinzip ist hier technisch-konstruktiv auf das beste überhöht. Wie das Morgen gehen kann/soll, zeigen uns - so hoffe ich - demnächst Fasch&Fuchs mit ihrem Gymnasium in Wien-Aspern. Trotz allem: diese Schule ist es wert, betrachtet zu werden. Viel Zeit (weil sie so knapp ist) beim Lesen!

Analyse: Schule der Ursulinen

Die Montag-Stiftung bietet zur Zeit einen Ausbildungslehrgang zur Schulbauberatung an. Architekt Jochem Schneider und Pädagoge Otto Seydel haben 6 intensive Tage zusammengestellt, die in drei verschiedenen deutschen Städten stattfinden. Begonnen haben die 25 'SchülerInnen' in Bruchsal ... Bruchsal? In Österreich weiß fast niemand, wo Bruchsal liegt (und dass das ein Ort ist). Das überrascht nicht. Aber Göttingen? Das ist nun doch schon eine größere Stadt. Nur - ganz ehrlich - wer weiß, wo Göttingen liegt? Ich wusste es nicht, als ich damals, Ende Juni 2013, dorthin unterwegs war. Und ich vermute, dass meine schlechten geografischen Kenntnisse unseres Nachbarlandes damit zusammenhängen, dass: Deutschland von mir (noch) nicht als Tourismusziel ausgekundschaftete wurde; dass Deutschland für mich zuviele mittelgroße Städte aufweist und dass diese zu gleichmäßig, gleichsam spannungsarm, verteilt sind.

Das Tagebuch meiner Anreise nach Bruchsal ist spontan während der Zugfahrt entstanden. Es war gewissermaßen meine Art, das Ungeheuerliche zu verarbeiten. Entstanden ist ein Text, der beim Lesen zum Lachen verleiten mag, auch wenn ich vorerst noch nicht lachen konnte. Auf diesem Weg zum Schulbauberater jedenfalls hab ich schon lange vor der Ausbildung viel gelernt. Viel Vergnügen.

Tagebuch

 

Am 11. September wurde die Kärntner Gemeinde Moosburg in Linz mit dem »Gemeindeinnovationspreis 2013« ausgezeichnet. Moosburg arbeitet schon seit mehreren Jahren intensiv an einem »echten« Bildungscampus. »Echt« deshalb, weil hier zuerst das pädagogische Konzept entwickelt und die Zusammenarbeit mehrere Institutionen in der Praxis verankert wurde. Erst im zweiten Schritt werden die räumliche Vorkehrungen dafür entwickelt und umgesetzt werden. Weil es so entscheidend ist, nochmals: Hier entsteht also ein Bildungscampus, der anfänglich nicht ökonomischen Interessen hinsichtlich der Gebäudebewirtschaftung im Auge gehabt hat!

Die Musikschule, die Neue Mittelschule, die Volksschule, der Hort, das Kindertagesheim, der Kindergarten, das SOS-Kinderdorf ... sie alle sind Teil einer kommunalen Bildungspolitik, die sich zuerst auf das Ganze und auf das Netz zwischen allen konzentrierte und damit nicht in Einzelinteressen unterging. Die Voraussetzungen für unsere zukünftige Planung sind mittlerweile ideal: Selbstverständlich planen wir unter Einbeziehung aller Schulen und selbstverständlich unter Berücksichtigung vieler weiterer zukünftiger Möglichkeiten (Erwachsenenbildung, Ganztagesthema, Inklusion, etc ...).

Das Video dauert 3 Minuten 20, die Rechte dafür liegen bei »APONI film«. Die Rechte für das Foto liegen bei »nonconform architektur vor ort«. Mehr von mir, wenn  es die nächsten konkreten Schritte gibt.

Ich freue mich, einen meiner jüngsten Vorträge nun online stellen zu können. Am 8.7.2013 hielt ich auf Einladung der Rektorin der Pädagogischen Hochschule Kärnten Marlies Krainz-Dürr den Eröffnungsvortrag der alljährlichen Sommerakademie für PädagogInnen »Impulse 2013«.

Nach einer kurzen biografischen Notiz und einer Skizze zur inhaltlichen Ausrichtung von »schulRAUMkultur« bespreche ich anhand ausgewählter Beispiele die historische Grundriss-Entwicklung von Schulbauten von 1750 bis heute. Dabei spanne ich den Bogen vom Einraum zur Klassen-Addition, von dieser Addition zur technokratisch gerasterten flexiblen Fläche und von der zum melodischen Rhythmisieren des Rasters durch ›Orte‹. Ich illustriere meine Ausführungen mit Schulbaubauten aus Dänemark (Kathedralschule Aarhus, Hellerup Skolen) und aus Österreich (BSZ Traun). Am Ende dieses ersten Teils meines Vortrags wende ich mich dem Thema »Umbau« von Schulen (VMS Alberschwende) zu.

Im zweiten Teil des Vortrags gehe ich näher auf zwei Beispiele von Beteiligungsmodellen für Schulumbauten ein, die ich mit dem Architekturbüro »nonconform architektur vor ort« 2011/2012 durchführen konnte (BSZ Traun und ImPuls Schule Steyr). Das Video zeigt die Folien des Vortrags mit meiner Stimme aus dem Off (Mitschnitt, 58 Minuten). Das PDF ist eine überarbeitete und aktualisierte Textversion des Manuskripts mit 35 Seiten A4-Hochformat.

Vortrag schulRAUMkultur – Impulse 2013